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von Siemens Österreich

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Hohe Reaktionsgeschwindigkeit durch mehr Flexibilität dank neuester Technologien sorgen für Sicherheit im Wiener Wasserversorgungssystem.

Wie Wien zum Wasser kommt

4 Min. Lesezeit
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02. Juli 2019
Neue Technik schafft ein Wasserversorgungssystem, das sich dem Pulsschlag einer ganzen Stadt anpassen kann.

Die Adresse ist nicht geheim, aber auch nirgends angegeben. Wer das unauffällige Backsteingebäude betritt und den Weg kennt, gelangt nach einem Slalom durch videoüberwachte Gänge zu einer massiven Schleuse. Dahinter arbeiten mehrere Personen konzentriert an ihren Computern, an den Wänden sind riesige Bildschirme. Von hier aus – der Leitzentrale der MA 31 (Wiener Wasser) – wird die Wasserversorgung der Bundeshauptstadt gesteuert und überwacht.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Nein, digitale Attacken über das Internet auf die Leitzentrale seien keine Gefahr. Es gibt von hier aus schlicht keine Verbindung zum Internet. Die Kommunikation und Steuerung findet über ein komplett privates Netz bis zur einzelnen Wasserstation statt. Sollte die Leitzentrale aus irgendeinem Grund einmal nicht nutzbar sein, kann das System auch von mehreren gesicherten Ersatzstandorten aus betrieben werden. Eine solche Krisensituation hat es bisher aber noch nicht gegeben. Im Extremfall wird in den Außenstationen einfach von Automatik- auf Handbetrieb umgestellt. Möglich gemacht wurde das durch den Umstieg auf den neuesten Stand der Technik. "Und die gibt es nicht von der Stange. Nach einer europaweiten Ausschreibung ist letztendlich Siemens zum Zug gekommen", so Hellmeier.

Digitalisierung bringt Vielzahl an Daten

Der Schritt war auch notwendig, um dem Netz- und Informationssicherheitsgesetz zu entsprechen und den Anforderungen an die Cybersicherheit gerecht zu werden. "Das System ist jetzt viel flexibler und transparenter – Stichwort Internet der Dinge. Wir haben mehr Sensoren und können dadurch mehr sehen", bestätigt Gottfried Blumauer, Leiter des Wasser/Abwasser-Geschäfts bei Siemens CEE. Das erhöht die Sicherheit und die Reaktionsgeschwindigkeit. Damit das System nicht zu komplex wird, habe man als Unterstützung für die Mitarbeiter Visualisierungen, beispielsweise Spinnendiagramme, eingeführt. "So kann eine Vielzahl an Informationen, etwa der Füllstand der Wasserbehälter, schnell erfasst werden", erklärt Blumauer.

Zwei bis drei Personen sind im Rund-um-die-Uhr-Einsatz, um die Wasserversorgung Wiens mit mehr als 3.000 Kilometern Rohrnetz zu steuern – und das aktiv. "Unsere Mitarbeiter müssen jahrelang geschult werden, um auf Basis der Online-Daten die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Jährlich 50 größere und unzählige kleinere Baustellen mit Sperrungen in Kombination mit unplanmäßigen Sachen wie Lecks – das kann man nicht automatisiert abdecken, das ist technisch nicht machbar, sondern es braucht Fachleute vor Ort", ist Hellmeier überzeugt. Wichtig sei, entsprechend dem Pulsschlag der Stadt zu reagieren. Sehr wohl könnte man mit künstlicher Intelligenz Betriebsanalysen durchführen, um in Hinblick auf Verbesserungen zu unterstützen, meint Siemens-Experte Blumauer: "Aber ein Automatismus beim Betrieb des Wassernetzes ist in dieser Komplexität und so wie das historisch gewachsen ist, wahrscheinlich noch nicht sinnvoll."

Als größte Herausforderung bei der Digitalisierung der Wasserversorgung sieht er die Erneuerung im laufenden Betrieb: "Eine 100-prozentige Versorgungssicherheit zu erhalten, war der Knackpunkt." Neben der Modernisierung des Leitsystems und der Außenstationen wurde auch die Kommunikation verbessert. Eine autarke Kabelinfrastruktur und eine unterbrechungsfreie Stromversorgung sollen die Handlungsfähigkeit garantieren.

Von der Quelle in die Stadt

Manche Gründe für die Sicherheit der Wasserversorgung liegen aber bereits mehr als 100 Jahre zurück. Die erste Hochquellleitung wurde 1873 gebaut, die zweite 1910. "Unsere Vor-Vorgänger haben das entsprechend der Topographie so intelligent umgesetzt, dass 95 Prozent der Wasserversorgung gravitativ funktioniert – durch die Erdanziehung fließt das Wasser bergab. Da braucht man keinen Strom. Die fünf Prozent entfallen vor allem auf höher gelegene Gebiete im Westen Wiens, dorthin wird das Wasser gepumpt", so Hellmeier. Einen wichtigen Beitrag für die Versorgungssicherheit leisten die 32 Wasserbehälter, die insgesamt 1,6 Millionen Kubikmeter fassen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Tagesverbrauch in Wien liegt bei knapp 390.000 Kubikmetern. Da kann man schon ein paar Tage überbrücken.

Über Transportrohrleitungen wird das Wasser in der Stadt so verschoben, dass die Behälter alle ordnungsgemäß beschickt sind. Sie sind 30 bis 60 Meter höher gelegen als das zu versorgende Gebiet, um 3 bis 6 Bar Druck in den Haushalten zu ermöglichen. "Bis zum vierten, fünften Stock, das entspricht auch der historischen Bebauung, reicht das. Ab dann ist der Druck in einem Bereich, wo es nicht mehr komfortabel ist. In Hochhäusern kommt daher eine Drucksteigerungsanlage zum Einsatz", erklärt Hellmeier. Die wirkliche Kunst der Lastverteilung sei, die richtige Menge an Wasser aus den Hochquellgebieten anzufordern und das dann so zu verteilen, dass es zur richtigen Zeit zur Verfügung steht.

Versorgungsengpässe hält Hellmeier unter Hinweis auf die "Anlieferung" per Gravitation und die riesigen Behälter für unrealistisch. Rohrbeschädigungen durch Bagger könnten in kürzester Zeit repariert werden und seien keine große Sache. Die Pressereise erfolgte auf Einladung von Nationalparks Austria Service:
(APA Science)
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Von Stefan Thaler / APA-Science Diese Meldung ist Teil der Reportage-Reihe "APA-Science zu Besuch ...": APA-Science zu Besuch APA Science