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Energie
4 min

Ins Netz gegangen

New Yorker Energieunternehmen und Siemens erarbeiten Lösung für Blockchain-basiertes Microgrid in Brooklyn.

Das junge New Yorker Energieunternehmen LO3 Energy testet gemeinsam mit Siemens Digital Grid und dem Siemens-Start-up-Förderer next47 ein Microgrid in Brooklyn. Dort handeln Nachbarn auf einer Blockchain-Plattform mit Solarstrom. Im Falle eines Hurrikans soll das Inselnetz notfalls autark operieren. Das Projekt ist Vorreiter einer dezentralen, von grünen Energiequellen geprägten Energieversorgung.
An sonnigen Tagen läuft der Stromzähler von Martha Cameron oft rückwärts. Das hat einen einfachen Grund: Auf dem Dach ihres Brownstones, eines um 1900 erbauten Reihenhauses in Brooklyn, findet sich eine Solaranlage. Wenn die Sonne kräftig scheint, kann Cameron den Strom aus den 18 Photovoltaikpaneelen nicht allein verbrauchen und speist ihn ins Netz zurück. Als sie die Anlage 2010 installierte, war sie noch Pionierin. Doch schon bald kamen in der von Spitzahorn und Platanen gesäumten Straße fünf weitere Häuser mit Solaranlagen hinzu.
Im April 2016 bezahlten Nachbarn ohne Photovoltaikanlage erstmals für deren überschüssigen, ins Stromnetz gespeisten Solarstrom. Mithilfe des in Brooklyn ansässigen Energie-Start-ups LO3 Energy haben sie in Park Slope und in den benachbarten Vierteln Gowanus und Boerum Hill das „Brooklyn Microgrid“ gegründet. Möglich wurde dieses Pilotprojekt, weil es drei Komponenten in sich vereinen kann: Die Blockchain-Plattform „TransActive Grid“ von LO3 Energy sichert die Transaktionen ab, die Siemens Digital Grid Division bietet die speziellen technischen Lösungen für derartige Microgrids, und der Start-up-Förderer von Siemens, next47, unterstützt potentiell disruptive Technologien, unter anderem im Bereich der Blockchain-Anwendungen, finanziell, mit Know-how und Projektexpertise.
Das Brooklyner Kleinststromnetz will aber nicht nur Ökostromhandel im Kleinen ermöglichen. Nach dem verheerenden Hurrikan Sandy von 2012 soll es in Kombination mit Batteriespeichern innerhalb des Microgrids beim nächsten Sturm zumindest temporär verhindern, dass die Lichter ausgehen. Und nach Möglichkeit soll eines Tages vor Ort der Stromverbrauch auf die Schwankungen der solaren Stromerzeugung abgestimmt werden – damit etwa der Elektrowagen nach Möglichkeit dann betankt wird, wenn die Sonne reichlich scheint und die Batteriespeicher prall gefüllt sind.

Blockchain mit großem Potential

Autarke Microgrids spielen eben nicht nur in abgelegenen Regionen wie Alaska eine wichtige Rolle, sondern auch in einem Großstadtdschungel wie New York. In einem wachsenden Energiemarkt dezentraler Energiesysteme – basierend auf Wind, Solar, Wasser oder Biomasse – gewinnen Microgrids immer mehr an Bedeutung. In diesem Umfeld profitiert das Start-up LO3 Energy von Siemens’ Entwicklung von Microgrids – etwa seit 2014 im bayrischen Wildpoldsried. Dazu gehören Netzsteuerung, Schaltelemente, innovative Batterielösungen und intelligente Stromzähler. Aber auch für die Siemens Energy Management Division ist die Kooperation ein Gewinn, basiert die „TransActive Grid“-Handelsplattform doch auf der innovativen und für das Unternehmen sehr interessanten Blockchain-Technologie: ein dezentrales, webbasiertes Buchhaltungssystem, das Daten dank Kryptographie-Technik fälschungssicher und kostengünstig abspeichert. Sprich: Blockchain ist im Grunde ein dezentrales Protokoll für Transaktionen zwischen Parteien, das jede Veränderung transparent erfasst. So lässt sich beispielsweise sicherstellen, dass man ein Originalersatzteil erhält, da sich seine Herkunft mithilfe eines RFID-Chips und Blockchain lückenlos zurückverfolgen lässt – eine von mehreren Anwendungen, die auch für Siemens interessant sind. Die sogenannten Peer-to-Peer-Geschäfte – also direkt von Computer zu Computer –, die durch die Blockchain-Technologie implementiert werden können, versprechen insbesondere niedrigere Transaktions- und Handelskosten. Das Potential der Technologie ist somit groß: Via Blockchain verwaltete Vermögenswerte belaufen sich heute weltweit auf 1,6 Milliarden Dollar, das Wachstum zwischen 2013 und 2016 betrug laut der Kryptowährungs-Plattform „Coinmarketcap“ satte 1600 Prozent. Zudem sind, laut Seamus Cushley, Blockchain-Experte bei PricewaterhouseCoopers in Belfast, allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2016 1,4 Milliarden Dollar in Start-ups aus der Blockchain-Szene geflossen.

Vorbereitung für den nächsten Hurrikan

Für den Energiehandel bedeutet das eine neue Dimension. Haushalte können ohne Zwischenhändler kleinste Mengen grünen Strom handeln – den Preis sollen automatische Auktionen bestimmen, die sich nach dem Höchstpreis richten, den ein Stromkonsument pro Kilowattstunde zu zahlen bereit ist. Doch was im „Brooklyn Microgrid“ verkauft wird, sind nicht die von Solaranlagen erzeugten Elektronen. Aus den Steckdosen der Microgrid-Haushalte ohne eigene Solaranlagen kommt weiterhin vornehmlich Strom aus dem nächstgelegenen Kraftwerk. Aber ähnlich wie Stromkunden heute ihren Energieversorger oft dafür bezahlen, Strom aus erneuerbaren Energiequellen entsprechend ihrem Verbrauch ins Netz zu speisen, können Teilnehmer am Brooklyn Microgrid direkt Geld an ihre Nachbarn für den überschüssigen, ins Netz einfließenden Solarstrom überweisen. Bis Frühjahr 2017 werden voraussichtlich 50 Brownstones, Apartmenthäuser, Schulen, eine Tankstelle, ein Feuerwehrhaus und Fabrikgebäude angeschlossen sein. Bis 2018 sind gar tausend Teilnehmer angepeilt. Auch sollen Batteriespeicher und noch größere Solaranlagen installiert werden. Siemens Digital Grid steuert unter anderem sein Microgrid Management System bei, das es erlaubt, im Falle eines stadtweiten Stromausfalls zeitweilig eine autarke Versorgung für das Microgrid zu etablieren. Damit die Blockchain-Plattform und Microgrids erfolgreich sein können, braucht es auch regulatorische Rahmenbedingungen. Im US-Bundesstaat New York sorgt dafür das Programm „Reforming the Energy Vision“ (REV). Ziel ist es, die Anfälligkeit der Energieversorgung zu minimieren, die während des Hurrikans Sandy offensichtlich wurde, mehr erneuerbare Energiequellen zu nutzen und Kosten zu senken.

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